„Alle haben gerade ADHS! Ist es etwa Trend, Neurodivergent zu sein?“

ADHS und Social Media – Was ist da los?

In den letzten Jahren hat die öffentliche Auseinandersetzung mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) in den sozialen Medien stark zugenommen. Dies hat einerseits zu mehr Bewusstsein und Akzeptanz geführt, andererseits aber auch zu der Frage, ob ADHS „nur ein Trend“ oder gar überdiagnostiziert sei. Warum suchen so viele Menschen online nach Bestätigung ihres „Andersseins“? Eine vertiefende Betrachtung zeigt, dass es sich um ein komplexes Thema handelt, das sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Aspekte berührt. Wie Unternehmen in diesem Zusammenhang eine unterstützende Funktion einnehmen können, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Gesellschaftlicher Wandel führt zu mehr Bewusstsein

Lange Zeit wurde ADHS vor allem als „Zappelphilipp-Krankheit“ wahrgenommen – ein Störungsbild, das hauptsächlich kleinen Jungen zugeschrieben wurde, oft mit dem Vorwurf, die Erziehung sei nicht ausreichend gewesen. Dieses Stigma und die vermeintliche Einflussnahme von außen führten dazu, dass sich viele Betroffene nicht mit der Diagnose identifizieren wollten und nur wenige eine Abklärung suchten. Erst durch zunehmende Forschung und eine größere Vielfalt an Perspektiven hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung gewandelt. Immer mehr Mädchen und Frauen werden diagnostiziert, und die Erkenntnis, dass ADHS nicht „auswächst“, sondern ein Leben lang bestehen bleibt, hat dazu geführt, dass auch viele Erwachsene das Thema für sich entdecken.

Ein anschauliches Beispiel für diesen Wandel ist die Linkshändigkeit: Früher galt es als falsch, mit der linken Hand zu schreiben, und viele wurden gezwungen, sich umzugewöhnen. Erst als die Stigmatisierung nachließ, konnten sich mehr Linkshänder offen zeigen – es schien, als gäbe es plötzlich mehr von ihnen, obwohl sie schon immer da waren. Ähnlich ist es bei ADHS: Mit wachsendem Verständnis und abnehmender Stigmatisierung werden mehr Betroffene erkannt und sichtbar, auch wenn sie schon immer Teil unserer Gesellschaft waren.

Die Herausforderungen der Diagnose

Der Zugang zu einer fundierten Diagnose für ADHS und andere Neurodivergenzen ist oft mit erheblichen Hürden verbunden. Es wird angenommen, dass ein beträchtlicher Teil der Betroffenen keine formelle Diagnose erhält, was weitreichende Folgen für ihr Wohlbefinden und ihre berufliche Entwicklung haben kann. Lange Wartezeiten bei Fachärzt:innen und Psycholog:innen sowie die hohen Kosten für Selbstzahler:innen erschweren den Weg zur Diagnose zusätzlich.

Zudem wird der aktuelle Forschungsstand in der Diagnostik nicht immer vollständig abgebildet. Die Diagnosekriterien bleiben oft hinter den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zurück. Es wird geschätzt, dass es durchschnittlich 10–17 Jahre dauert, bis Forschungsergebnisse in die klinische Praxis umgesetzt werden.(1) Das bedeutet, dass viele Menschen, die heute unter ADHS leiden, möglicherweise nicht diagnostiziert werden. Dies betrifft vor allem Frauen: Ihre Symptomatik äußert sich häufig anders als der klassische körperliche Bewegungsdrang. Innere Unruhe und emotionale Überforderung fallen weniger auf und werden in den Standardfragebögen nicht immer ausreichend abgebildet. Sie fallen dadurch öfter durchs Raster.


Social Media als erste Anlaufstelle – Mehr als nur ein Trend

In Ermangelung schneller und zugänglicher Diagnosemöglichkeiten suchen viele Menschen online nach Informationen und Austausch. Social Media, Podcasts, Fachliteratur und Selbsthilfegruppen bieten wertvolle Ressourcen, um sich zu informieren und Erfahrungen zu teilen. In der Neurodivergenz-Community wird die Selbstdiagnose oft als valider und wertvoller erster Schritt anerkannt, insbesondere wenn sie auf fundierter Recherche und dem Austausch mit anderen Betroffenen basiert. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass eine Selbstdiagnose keine professionelle Diagnose ersetzen kann, sondern eher als Wegweiser dienen sollte. Viele Menschen möchten einfach jetzt verstehen, warum sie sich „anders“ fühlen.


Der Leidensdruck ist real

Problematisch wird es, wenn ADHS als „Superkraft“ beschrieben wird. Einige Eigenschaften, die ADHS-Gehirne häufiger aufweisen, können wertvoll sein – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dennoch ist die neurologische Störung für viele Betroffene ein echtes Leidensthema, insbesondere wenn sie nicht wissen, was los ist und ihr Leben nicht entsprechend anpassen können. ADHS kann zu Depressionen, Ängsten und vielen Erfahrungen des Scheiterns führen. Studien zeigen, dass 51 % der Betroffenen neben der ADHS eine oder mehrere komorbide psychische Erkrankungen entwickeln.(2) Eine fachärztliche Diagnose lohnt sich, vor allem, wenn man nicht weiterkommt. Wenn der Leidensdruck groß ist und sich die Selbstdiagnose valide anfühlt, sollte man sich auf die Wartelisten der Diagnostikstellen setzen lassen. Medikamente und Therapie können helfen, die Symptome zu lindern und ein erfülltes Leben zu führen.


Die Rolle der Unternehmen: Was hat sich bewährt?

Unternehmen spielen eine entscheidende Rolle bei der Schaffung einer Arbeitsumgebung, die die Potenziale neurodivergenter Mitarbeitender fördert. Neurodivergente Mitarbeitende verfügen oft über besondere Stärken wie Kreativität, Problemlösungsfähigkeiten und Detailgenauigkeit.(3) Es ist längst bekannt, dass inklusive und Diversität unterstützende Unternehmen eine höhere Wahrscheinlichkeit für Innovation und Rentabilität aufweisen. Daher sollten wir uns auch mit den neurodivergenten Facetten von Diversität auseinandersetzen. Um die Stärken von Menschen mit ADHS optimal zu nutzen, haben sich folgende Maßnahmen bewährt:

  • Schulungen und offene Kommunikation: Fördert das Verständnis für ADHS im gesamten Unternehmen. Durch die Sensibilisierung von Führungskräften und Mitarbeitenden für die besonderen Bedürfnisse und Stärken neurodivergenter Kolleg:innen entsteht eine Kultur der Wertschätzung.
  • ADHS-freundliche Bedingungen: Schafft eine Arbeitsumgebung, die auf die Bedürfnisse neurodivergenter Mitarbeitender eingeht. Dazu gehören beispielsweise flexible Arbeitszeiten, ruhige Arbeitsbereiche und klare Kommunikationsstrukturen.
  • Zugang zu Gesundheitsprogrammen und Coaching: Bietet Unterstützung und Ressourcen für Mitarbeitende mit ADHS, etwa in Form von individuellem Coaching, Stressmanagement-Programmen oder Zugang zu psychologischer Beratung.
  • Richtlinien für neurodivergente Mitarbeitende: Entwickelt klare Richtlinien, die die besonderen Bedürfnisse dieser Mitarbeitenden berücksichtigen, z. B. zu Arbeitszeitmodellen, Pausenzeiten und Kommunikationspräferenzen.
  • Stärkenorientierung und Task-Buddy-Programme: Fördert die individuellen Stärken neurodivergenter Mitarbeitender und bietet Unterstützung durch Task-Buddys – Kolleg:innen, die als Ansprechpartner:innen und Unterstützung fungieren und bei Bedarf Hilfestellung leisten können.
  • Offene Mental-Health-Debatten und Vertraulichkeit: Schafft eine Kultur, in der psychische Gesundheit offen diskutiert wird und Vertraulichkeit gewährleistet ist. Dies kann dazu beitragen, Stigmatisierung abzubauen und Betroffenen den Mut zu geben, sich zu öffnen und Unterstützung zu suchen.


Social Media Trend ernst nehmen und schon heute handeln!

ADHS ist eine komplexe Herausforderung, die viele Menschen betrifft und oft unterschätzt wird. Die zunehmende Sichtbarkeit in den sozialen Medien zeigt, wie wichtig es ist, Betroffene ernst zu nehmen und ihnen Zugang zu fundierter Diagnostik und Unterstützung zu ermöglichen. Aus meiner Erfahrung als Beraterin weiß ich, dass Unternehmen, die neurodivergente Mitarbeitende wertschätzen und fördern, nicht nur deren Potenziale besser nutzen, sondern auch eine offenere und innovativere Arbeitskultur schaffen. Es lohnt sich, diesen Weg gemeinsam zu gehen – für mehr Verständnis, Inklusion und nachhaltigen Erfolg. Gerne unterstütze ich Dich dabei. Kontaktiere mich direkt für ein unverbindliches Kennenlernen!



Quellen:

  1. Balas & Boren, 2000: Managing Clinical Knowledge for Health Care Improvement: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0038-1637943.pdf
  2. Merrill et al., 2022: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1155/2022/2470973
  3. Lindmeier, C., Grummt, M., & Richter, M. (2023). Neurodiversität und Autismus. Stuttgart.

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